Ich S(ch)ach einmal (3)- Bedenkzeitwahnsinn




Autor: Damien Peteani


Ja, das waren noch Zeiten. Partien über 2 Tage. Bedenkzeit 2,5 Stunden für 40 Züge dann zwingender Abbruch der Partie. Analyse mit einer Menge Sekundanten und am nächsten Tag ging das Ganze weiter. Hängepartien wurden nicht etwa abgeschafft, weil Sie die Partien ewig in die Länge zogen und absolut unfair waren, sondern nur Anfang der 90er wegen der aufkommenden Schachcomputer. Es zeigte sich, dass die FIDE  eine nach der anderen notwendigen Anpassung verpasste. Anfang 2000 empfand man das "über die Zeit drücken"  als zu recht unfair und führte Bedenkzeit mit Inkrementen ein. Die FIDE  lies nur die Bedenkzeit "Fischer lang" (100 MInuten/40 Züge+50 Minuten/20 Züge und 15 Minuten für den Rest. Ab dem ersten Zug bekam man pro Zug 30 Sekunden auf die Uhr. Somit konnten aber die Partien 7 Stunden und länger gehen. Nach heftigen Protesten lockerte die FIDE  diese Regelung und erlaubte auch 100 Minuten/40 Züge + 50 Minuten für den  Rest+30 Sekunden ab dem ersten Zug.

Das war natürlich eine Verbesserung, führte aber zu keinerlei Veränderungen in den unterklassigen Ligen. Der Main-Taunus Verband hat, wie viele andere Regionen, eine Bedenkzeit für den Viererpokal, für die Ligen ab der Landesliga und für alle Klassen darunter. Das ist nicht nur völliger Irrsinn sondern auch einmalig für eine Sportart mit Spielzeitbeschränkung. Stellen Sie sich das einmal im  Fußball vor (das Golden Goal erwies sich schnell gescheitert) oder im Eishockey oder sonstwo. Tischtennis verkürzt die Sätze und vergrößert die Bälle, Fußball führt den Videobeweis ein und versucht die Schiedsrichterentscheidungen transparent zu machen. Nur beim Schach kommt man nicht so reht voran, obwohl es Ansätze gibt (Sinquifield Cup,US Meisterschaft, Grand Chess Tour). Ich akzeptiere, dass Schach niemals ein Publikumsmagnet wird. Es fällt mir nur schwer mir einen ganzen Sonntag frei zu nehmen, um dann nach 1 Stunde warten festzstellen, dass mein Gegner nicht kommt. Das ist alles so rein gar nicht familienfreundlich. 13 Uhr Abfahrt zum Auswärtsspiel. 14 Uhr Beginn. Eingeplant werden muss die maximale Spielzeit von 6 Stunden+Rückfahrt, sprich 13-20:30 Uhr. Wem soll man das heute noch verkaufen? Es wird immer schwerer Menschen zu finden, die zu diesen Bedingungen Ihre Freizeit opfern. Da gibt es dann 5-8 Spieler, die sich nicht feste aufstellen lasssen wollen oder nur Zuhause spielen wollen. Das kann ich voll und ganz verstehen, macht es aber sehr schwer eine Mannschaft zu planen.

Es gibt immer wieder einen Vorstoß bei der MTS-Turnierleitersitzung. Aber der Schachspieler ist leider oft festgefahren, hat Angst keine Zeit mehr zu haben um richtig "in die Stellung einzutauchen" hat selbst bei einer DWZ  von 1300 Angst vor dem Qualitätsverlust seiner Schachpartien. Mancher Verein weigert sich auch eine neue Bedenkzeit mit Zeitgutschrift je Zug in Kauf zu nehmen, da die alten Uhren im Vereinsheim aus den 50er Jahren das nicht hergeben. Da fehlt mir leider jedes Verständnis und es kann sich hier eine Entwicklung wie im manchen Verein zeigen: 4 Herren sitzen in einem Hinterzimmer und wenn ein Neuer kommt ist leider kein Spielpartner mehr da. Man verschläft die Entwicklungen, will alles wie früher machen und wird bald gar nichts mehr machen können. Ich fordere kein Blitz-oder Schnellschach aber zumindest eine Reduzierung der Bedenkzeit auf maximal 4 Stunden.


Wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Die leichten Mitgliedersteigerungen in den Vereinen sind fast hauptsächlich der gestiegenen Flüchtlingszahlen und einer guten Vernetzung mit den Schulen zu verdanken. Wir müssen uns aber breiter aufstellen um die Zukunft gestalten zu können. Noch können wir agieren, bald bleit uns nur noch Zeit zum reagieren. Seit fast 30 Jahren stagniert die länge der Bedenkzeit. Es ist höchste Eisenbahn für Veränderungen. Warum lesen die Menschen nur noch selten Bücher? Warum kaufen Sie Online ein oder gehen in ein Einkaufszentrum? Warum gibt es Whatsapp, Smartphones, Netflix und so weiter?  Der Mensch will flexibel entscheiden, hat wenig Zeit und kaum Bereitschaft eine Sache über lange Zeit am Stück zu machen. Da macht er bei unserem geliebten Schachspiel keine Ausnahme. Ich wünsche uns Gestaltungswillen, einen Blick auf das Ganze nicht nur auf unseren Verein, Mut zur Veränderung, Menschen die es anpacken.

Mit besten schachlichen Grüßen

Damien Peteani




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